Zero


Mein Name ist Zeroaster Oktavius Claudius Maximus. Meine Freunde sagen einfach Zero. Um Kaiser zu werden, war ich zu dumm, für einen Gladiator zu klug. Deshalb bin ich Soldat geworden. Ich war ein schlimmer, verzweifelter, suchender Mensch, bis Jesus in mein Leben kam und mich veränderte. An den Tag erinnere ich mich noch ganz genau. Er fing an wie jeder andere. Früh aufstehen, Frühstück essen, Uniform anziehen, und zur Arbeit laufen. Es gab auch an diesem Tag die üblichen Verbrecher, die ich zur Hinrichtung führen sollte. Üblicher Tag, übliche Aufgabe. So fing's an und verlief auch so, bis die Geißelung der Verbrecher anfing. Danach war nichts mehr dasselbe. Nie wieder.
Eigentlich hätte ich von Anfang an erkennen können, dass er anders war. Ich meine, die Anklagen waren unsinnig. Er war nicht wegen Mordes, Raubes, oder Vergewaltigung angeklagt, sondern wegen Gotteslästerung. Mein Chef wollte ihn eigentlich loslassen, aber aus Angst vor den Massen hat er ihn trotzdem zum Tode verurteilt. Die Juden wollten ihn kreuzigen, und uns war es sowieso egal. Mir war er von Anfang an zuwider. Er war verrückt. Er musste verrückt sein. Gott war er jedenfalls nicht. Dafür brauchte ich ihn nur anschauen, während diese Menschen ihn angeschrieen und ausgelacht haben.
Als ich angefangen habe, ihn auszupeitschen, stand er so selbstsicher und ruhig da. Ich konnte ihm gleich ansehen, dass er sich wirklich für unschuldig hielt. Wie sie alle. Mein Ziel beim Peitschen war es, die Verurteilten zu brechen. Mir hat's immer ein ganz besonderes Gefühl gegeben, wenn sie irgendwann um Gnade geschrieen haben. Manche hielten es länger aus als andere, aber brechen konnte ich sie alle. Bis Jesus unter meine Peitsche kam. Dieser Mann schrie nicht um Gnade. Ich peitschte ihn, bis ich den Arm nicht mehr heben konnte. Mit jedem Schlag wuchs mein Zorn. Wie konnte er es wagen, mir zu trotzen? Warum gab er nicht nach? Der Hass pochte in mir. Ich schlug wie ein Wahnsinniger zu. Vor Schweiß und Blut konnte ich kaum noch sehen. Die anderen Männer mussten mich endlich wegziehen, weil sie Angst davor hatten, dass ich ihn umbringe. In diesem Moment schaute mich dieser schon sterbende Mensch an. Er hatte Mitleid in den Augen. Mitleid mit mir! Dieser Blick hat mich nur noch wütender gemacht. Mich packte so sehr die Wut, dass ich ihn tatsächlich umbringen wollte. Auf einmal wurde es persönlich.
Je mehr ich ihn aber hasste, desto mehr hasste ich mich selber. Ich hasste, was aus mir geworden war. Ich machte ihn für meine Schuld verantwortlich. Er war Schuld an meiner Wut, an meinem Versagen, an meinem ganzen miserablen Leben! Irgendwie habe ich gedacht, dass ich mich endlich besser fühlen würde, wenn ich diesen verrückten arroganten Verbrecher endlich sterben sehe. Aber dann kam alles anders.
Je schwächer er wurde, desto grösser wurde seine Macht über mich. Als er da hing, flehte er eine unsichtbare Person an, "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Vater? Mit wem redet er? Wo war sein Vater? Ich suchte nach einem, der vielleicht sein Vater sein könnte, bis ich begriff, wen er meinte. Er redete mit Gott. Gott war sein Vater. Er bat Gott um Vergebung - für mich! Vergebung? Wofür? Ich tue doch nur meinen Job. Ich führe meinen Auftrag aus. Ich mach doch nichts Falsches. Ich musste dich so lange auspeitschen. Ich musste dich verachten. Ich musste dich ans Kreuz nageln. Das ist mein Job! Du bist der Verbrecher, nicht ich! Du kriegst die Strafe, nicht ich! Aber ich war nicht mehr so sicher...
Wer bist du denn überhaupt? Warum quälst du mich so? Was hast du so Schlimmes getan, dass sie dich umbringen wollen? In diesem Moment sprach einer der mit gekreuzigten Verbrecher den anderen an: "Hast du nicht einmal jetzt Ehrfurcht vor Gott, da du den Tod vor Augen hast? Wir haben für unsere Vergehen den Tod verdient, aber dieser Mann hat nichts Unrechtes getan." Diese Ehrfurcht vor Gott konnte ich auf einmal gut verstehen. Ich bekam Angst vor dem Vater, seinem Vater, denn ihm gefiel nicht, was ich gerade getan hatte. Es wartete eine Strafe auf mich. Eine härtere Strafe, als ich ausgeteilt hatte. Eine Strafe für alle meine Sünden. Gab es noch Hoffnung für mich? Könnte dieser Jesus am Kreuz mir helfen? Wenn ich mich jetzt entschuldige für vorhin, vielleicht? Einer der Verbrecher hatte denselben Gedanken. Er sagte zu ihm, "Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." Jesu Antwort werde ich nie vergessen. Zu diesem zu Tode verurteilten Verbrecher sagte er, "Ich versichere dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Vergebung für einen Verbrecher! War das auch für mich möglich? Sollte ich ihn ansprechen? Sollte ich ihn um Vergebung bitten?
Diese Gedanken wurden durch eine plötzliche Finsternis unterbrochen. So eine Finsternis hatte ich nie erlebt. Es war 12.00 Uhr Mittag! Das musste das Gericht sein! Drei Stunden vergingen, und immer noch hatte ich keine Ruhe für meine Seele. Um 15.00 passierte etwas. Es lag nicht an seinen letzten Worten, nicht an der Finsternis, noch an dem Erdbeben. Es lag schlicht und einfach an der Art, wie er starb. Wie er das letzte Mal geatmet hat! Sein letzter Atemzug war irgendwie mein erster. Er starb und ich lebte. Er starb als Sieger. Sieger über meinen Tod. Sieger über mein Leid. Sieger über meine Sünde. Überwältigt von diesem Gedanken, rief ich aus, "Er ist der Sohn Gottes!" Die ganze Welt sollte es begreifen! Er hat mein Leben verändert! Auch mit einem Zero kann Gott was anfangen.

"Den römischen Offizier und die anderen Soldaten, die ihn gekreuzigt hatten, überkam Todesangst bei dem Erdbeben und den anderen Ereignissen. Sie sagten: 'Es stimmt, das war wirklich der Sohn Gottes!'" (Matthäus 27,54).